Das Wichtigste in Kürze:
- Rund 90 Prozent der historischen Bausubstanz in Fürth haben den Zweiten Weltkrieg überstanden
- Holzbalkendecken sind das häufigste Sorgenkind: Feuchteschäden an den Auflagern, Durchbiegung und Schwammbefall
- Sandsteinfassaden verwittern durch falsche Fugenmörtel, Frostsprengung und aufsteigende Feuchtigkeit
- Fehlende Horizontalsperren führen in vielen Gründerzeitbauten zu dauerhaft feuchten Kellergeschossen
- Ein DEKRA-zertifizierter Sachverständiger erkennt diese Schwachstellen und bewertet den Sanierungsaufwand
Fürth trägt den Beinamen \"Stadt des Historismus\" zu Recht. Die Gründerzeit-Architektur prägt das Stadtbild wie in kaum einer anderen bayerischen Stadt. Während Nürnberg im Zweiten Weltkrieg großflächig zerstört wurde, blieb Fürth nahezu unversehrt. Über 2.000 Einzeldenkmäler zeugen heute von der Blütezeit zwischen 1870 und 1914. Doch was den Krieg überstanden hat, ist nach über 120 Jahren nicht automatisch in gutem Zustand. Dieser Artikel zeigt die typischen Schwachstellen der Fürther Gründerzeit-Gebäude und erklärt, worauf Eigentümer und Kaufinteressenten achten sollten.
Warum hat Fürth so viel Gründerzeit-Substanz?
Die Antwort liegt in der Geschichte. Fürth erlebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen wirtschaftlichen Aufschwung, angetrieben durch die Industrialisierung und die erste deutsche Eisenbahn, die 1835 zwischen Nürnberg und Fürth fuhr. Die Stadt wuchs schnell. Zwischen 1870 und 1910 entstanden die großen Wohn- und Geschäftshäuser, die heute das Bild der Innenstadt, der Hornschuchpromenade und der Südstadt bestimmen.
Im Zweiten Weltkrieg blieb Fürth von den schweren Bombenangriffen verschont, die Nürnberg großflächig zerstörten. Das Ergebnis: Wo andere Städte Nachkriegsbauten zeigen, stehen in Fürth noch die Originale. Das ist architektonisch wertvoll, bautechnisch aber eine Herausforderung. Denn diese Gebäude wurden mit den Materialien und Methoden ihrer Zeit errichtet, und die hatten Grenzen.
Holzbalkendecken: Das häufigste Problem der Gründerzeit
Holzbalkendecken sind das Standarddeckensystem der Gründerzeit. Stahlbetondecken kamen erst Anfang des 20. Jahrhunderts in den Wohnungsbau. In den meisten Fürther Altbauten der Hornschuchpromenade und Südstadt tragen deshalb Holzbalken die Geschosse.
Nach über hundert Jahren zeigen sich typische Schäden:
Feuchte Auflager. Die Balkenköpfe stecken in den Außenwänden. Genau dort ist die Feuchtegefährdung am größten. Wenn die Fassadenabdichtung versagt oder Regenwasser in die Wand eindringt, fault das Holz am Auflager. Von außen ist das nicht sichtbar. Erst wenn die Decke nachgibt oder der Putz an der Deckenunterseite abplatzt, wird das Problem offensichtlich.
Durchbiegung. Holz arbeitet unter Dauerlast. Über Jahrzehnte hinweg biegen sich Balken durch, besonders wenn nachträglich schwere Estriche oder Fliesen aufgebracht wurden, die im Original nicht vorgesehen waren. Schiefe Böden und klemmende Türen sind typische Anzeichen.
Hausschwamm und Holzschädlinge. Der Echte Hausschwamm ist der gefürchtetste Holzschädling in Altbauten. Er braucht Feuchtigkeit und kann sich dann durch Mauerwerk und Holz fressen. Hausbock und Nagekäfer hinterlassen Fraßgänge, die die Tragfähigkeit der Balken verringern. Bohrmehl auf dem Boden oder ovale Ausfluglöcher in den Balken sind Warnsignale.
Ein Sachverständiger prüft die Holzbalkendecken durch Sichtprüfung, Klopfproben und Feuchtemessung. In kritischen Fällen empfiehlt er eine Bauteilöffnung, um den Zustand der Auflager direkt beurteilen zu können. Mehr dazu auf unserer Seite zur Hauskaufberatung.
Sandsteinfassaden: Fürths Visitenkarte mit Ablaufdatum?
Die Sandsteinfassaden sind das Aushängeschild der Fürther Gründerzeit. Aufwendige Gesimse, Erker, Fensterumrahmungen und Balkone aus Sandstein prägen besonders die Hornschuchpromenade und die Königswarterstraße, die zwischen 1883 und 1904 entstanden. Doch Sandstein ist ein empfindliches Material.
Absandung. Sandstein besteht aus Quarzkörnern, die durch ein natürliches Bindemittel zusammengehalten werden. Wind, Regen und Frost lösen dieses Bindemittel auf. Die Oberfläche wird rau, Körner rieseln ab. Bei stark bewitterten Flächen kann der Querschnitt über Jahrzehnte deutlich abnehmen.
Frostsprengung. Wasser dringt in die Poren des Sandsteins ein. Bei Frost dehnt es sich aus und sprengt das Material. Das Ergebnis: Abplatzungen, Risse und Schalenbildung. Besonders gefährdet sind horizontale Flächen wie Gesimse und Fensterbänke, auf denen Wasser stehenbleibt.
Falsche Fugenmörtel. In den 1960er und 1970er Jahren wurden viele Sandsteinfassaden mit Zementmörtel verfugt. Das war gut gemeint, aber schädlich. Zementmörtel ist härter und dichter als Sandstein. Feuchtigkeit, die über den Stein eindringt, kann nicht mehr durch die Fugen entweichen und wird in den Stein gedrückt. Die Folge: beschleunigte Verwitterung des Sandsteins neben den Fugen. Die fachgerechte Sanierung erfordert das Entfernen des Zementmörtels und die Neuverfugung mit weichem Kalkmörtel.
Aufsteigende Feuchtigkeit. Im Sockelbereich nehmen Sandsteine Feuchtigkeit aus dem Erdreich auf. Ohne Horizontalsperre wandert das Wasser kapillar nach oben und transportiert Salze mit. An der Oberfläche kristallisieren die Salze aus und sprengen den Stein (Salzsprengung). Weiße Ausblühungen am Sockel sind ein typisches Zeichen.
Die Sanierung von Sandsteinfassaden ist aufwändig und erfordert spezialisierte Steinmetzbetriebe. Bei denkmalgeschützten Gebäuden gelten zusätzliche Auflagen. Auf unserer Seite zu Bauschäden finden Sie weitere Informationen.
Kontaktieren Sie uns, wenn Sie eine Sandsteinfassade für Fürth beurteilen lassen möchten.
Fehlende Horizontalsperren: Warum der Keller fast immer feucht ist
Die dritte typische Schwachstelle der Gründerzeit betrifft den Keller. Horizontalsperren gegen aufsteigende Feuchtigkeit waren im 19. Jahrhundert nicht üblich. Erst ab etwa 1930 wurden Bitumenbahnen oder Bleche systematisch in das Mauerwerk eingelegt, um den kapillaren Feuchtetransport zu unterbrechen.
In Fürth verschärft die Lage am Zusammenfluss von Pegnitz und Rednitz zur Regnitz das Problem. Weite Teile der Innenstadt und der Südstadt liegen im Flusstal auf Schwemmsand. Der Grundwasserstand ist hoch, und bei Starkregen steigt er weiter an.
Die Folgen fehlender Horizontalsperren:
- Feuchte Kellerwände mit Salzausblühungen und abplatzendem Putz
- Aufsteigende Feuchtigkeit in die darüberliegenden Geschosse, erkennbar an Verfärbungen, muffigem Geruch und welligen Tapeten im Erdgeschoss
- Schimmelbildung in schlecht belüfteten Kellerbereichen und hinter Möbeln im Erdgeschoss
- Korrosion an eingebetteten Metallteilen wie Ankern und Trägern
Nachträgliche Horizontalsperren sind möglich, aber aufwändig. Gängige Verfahren sind das Mauersägeverfahren (eine Sperre wird mechanisch in eine Fuge eingebracht), die Injektion (ein abdichtendes Gel wird in Bohrlöcher gedrückt) oder die chemische Sperre. Welches Verfahren geeignet ist, hängt vom Mauerwerk, der Feuchtebelastung und den örtlichen Gegebenheiten ab.
Ein Sachverständiger misst die Feuchtigkeit, identifiziert die Ursache und empfiehlt das geeignete Sanierungsverfahren. Mehr dazu auf unserer Seite zum Thema Wasserschaden.
Weitere typische Schwachstellen der Gründerzeit
Neben den drei Hauptproblemen gibt es weitere Punkte, die in Fürther Gründerzeitbauten regelmäßig auffallen.
Veraltete Elektrik. Leitungen ohne Schutzleiter, Stoffummantelungen statt Kunststoffisolierung und unterdimensionierte Sicherungen. In Gebäuden vor 1970 ist eine Kompletterneuerung der Elektrik fast immer nötig.
Alte Sanitärleitungen. Bleirohre als Trinkwasserleitungen, verzinkte Stahlrohre mit zugesetztem Querschnitt und Grauguss-Abwasserleitungen, die nach 60 bis 80 Jahren korrodieren. Der Austausch ist unvermeidlich, die Frage ist nur wann.
Schallschutz. Holzbalkendecken mit Sandfüllung bieten einen begrenzten Trittschallschutz, der heutigen Anforderungen nicht genügt. Besonders in Mehrfamilienhäusern ist das ein Thema.
Brandschutz. Offene Treppenhäuser ohne Rauchschutztüren, brennbare Holzkonstruktionen und fehlende Rauchmelder. Die Nachrüstung ist bei Bestandsgebäuden teilweise vorgeschrieben.
Eine umfassende Bewertung aller Schwachstellen liefert eine Bauzustandsprüfung durch einen DEKRA-zertifizierten Sachverständigen.
Hornschuchpromenade und Südstadt: Zwei Gesichter der Gründerzeit
Nicht alle Gründerzeitbauten in Fürth sind gleich. Die Qualität der Bausubstanz hängt stark von der ursprünglichen Bauherrenschaft ab.
Hornschuchpromenade und Königswarterstraße: Diese repräsentativen Straßenzüge wurden für das gehobene Bürgertum errichtet. Die Baumaterialien waren hochwertig, die Deckenbalken stärker dimensioniert, die Treppenhäuser aus Naturstein. Der Zustand ist heute oft besser als bei einfacheren Bauten, weil die Grundsubstanz von Anfang an solider war und viele Gebäude kontinuierlich instand gehalten wurden.
Südstadt: Hier entstanden Arbeitermietshäuser für die wachsende Industriearbeiterschaft. Die Bauqualität war einfacher: dünnere Wände, schmalere Balken, weniger Schmuck. Diese Gebäude zeigen heute häufiger statische Probleme, stärkere Feuchteschäden und einen höheren Sanierungsrückstand. Gleichzeitig sind die Kaufpreise niedriger, was die Sanierung wirtschaftlich attraktiver machen kann.
Für beide Lagen gilt: Vor dem Kauf oder vor einer größeren Investition sollte ein Sachverständiger den tatsächlichen Zustand feststellen. Was von außen prächtig aussieht, kann innen marode sein, und umgekehrt. Auf unserer Seite zur Sanierungsberatung erfahren Sie, wie wir Sie bei der Bewertung unterstützen.
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Häufige Fragen
Wie alt sind die Gründerzeit-Gebäude in Fürth?
Die meisten stammen aus der Zeit zwischen 1870 und 1914. An der Hornschuchpromenade konzentriert sich die Bebauung auf die Jahre 1883 bis 1904. Die Gebäude sind also zwischen 110 und 155 Jahre alt.
Sind alle Gründerzeit-Häuser in Fürth denkmalgeschützt?
Nein, aber viele. Fürth hat über 2.000 Einzeldenkmäler und eine der höchsten Denkmaldichten in Bayern. Ob ein konkretes Gebäude geschützt ist, erfahren Sie über die Bayerische Denkmalliste oder die Untere Denkmalschutzbehörde der Stadt Fürth.
Was kostet die Sanierung einer Holzbalkendecke?
Das hängt vom Schadensumfang ab. Eine lokale Reparatur an einem feuchten Auflager ist deutlich günstiger als der Austausch einer kompletten Decke. Ein Sachverständiger kann den Umfang einschätzen, bevor Sie Angebote einholen.
Kann man eine Sandsteinfassade auch streichen statt sanieren?
Grundsätzlich ja, aber nur mit geeigneten diffusionsoffenen Anstrichen. Dampfdichte Farben verschließen die Poren und verschlimmern Feuchteschäden. Bei denkmalgeschützten Fassaden muss die Farbgebung mit der Denkmalschutzbehörde abgestimmt werden.
Lohnt sich der Kauf eines Gründerzeithauses trotz der Schwachstellen?
Ja, wenn die Kosten realistisch kalkuliert sind. Die Lage, die Raumhöhen, der Charakter und die Bausubstanz sind bei guter Pflege langlebig. Entscheidend ist, dass Sie vor dem Kauf wissen, welche Sanierungen notwendig sind und was sie kosten.
Wie erkenne ich, ob mein Altbau eine Horizontalsperre hat?
Von außen ist das kaum feststellbar. Typische Hinweise auf eine fehlende Sperre sind feuchte Wände im Erdgeschoss, Salzausblühungen am Sockel und ein muffiger Kellergeruch. Ein Sachverständiger kann durch Feuchtemessungen und Bauwerksöffnungen Klarheit schaffen.
Kann ich die Gründerzeit-Substanz modern dämmen?
Eine Außendämmung ist bei Sandsteinfassaden und denkmalgeschützten Gebäuden in der Regel nicht zulässig. Innendämmung ist möglich, muss aber bauphysikalisch korrekt geplant werden, um Kondensatprobleme zu vermeiden. Die Kellerdeckendämmung ist oft die wirtschaftlichste Einzelmaßnahme.
Sie besitzen ein Gründerzeitgebäude oder möchten eines kaufen? Rufen Sie uns an unter 0921 163 932 51 oder nutzen Sie unser Kontaktformular. DEKRA-zertifizierter Sachverständiger Jörg Aichinger bewertet den Zustand Ihres Gebäudes für Fürth und die Metropolregion.